Erziehung

ein paar Gedanken zur Erziehung des Bouviers einer erfahrenen Bouviertrainerin………. ©

Wenn man bedenkt, daß ein Bouvier früher zum eigenständigen Treiben und Bewachen von Weidevieh (hauptsächlich Rindern) gezüchtet wurde, wird einem schnell klar, daß er dafür sein “stures” Verhalten einfach brauchte (habt ihr mal versucht, ein Rind zu treiben?) Während des Ersten Weltkrieges wurde er zum Aufspüren von verwundeten Soldaten genutzt (und auch dazu brauchte er seine Eigenständigkeit) – und all das steht ihm heute als sogenanntem “Gesellschaftshund” natürlich manchmal im Wege…

Und doch: Bouviers sind intelligente und auch lernwillige Wesen (sonst hätten sie ihre Aufgaben früher gar nicht erfüllen können), sie sind selbstbewusst und wachsam, darüber hinaus sehr mutig und überaus treu; nur manchmal hat so ein “Buff” etwas “Sturm” im Kopf.

Eine Zeitlang (so in den 70er/80er Jahren) stand der Bouvier – besonders in Holland – hoch auf der “Rangliste” und wurde vermehrt für diverse Zwecke gezüchtet. Während die einen mehr die Arbeitslinien bevorzugten, bevorzugten die anderen (allen voran “van Dafzicht”) die Showlinie mit längerem, seidigerem Fell. So wurde aus einem ursprünglich sehr robusten, rauhaarigen “Landburschen” mit einem etwas “scharfkantigen” Charakter vielfach ein “Stadtkind” mit einem freundlichen Charakter und einem (stadt)angepaßten Aussehen (verursacht durch das längere, weiche Fell, was bei Showhunden erwünscht war und bei “Stadtmenschen” mehr ankam). Gerade in manchen Showlinien mutierten manche Bouviers vom agilen Landburschen zum etwas faulen Sofa-Potatoe (was ja nicht unbedingt von Nachteil ist…)

Doch auch den ursprünglichen, für heutige Verhältnisse etwas altmodischen Typ gibt es. Bei diesem Typ findet man auch heute noch hervorragende Arbeitshunde.

Doch bei Besitzern, die eigentlich lieber den etwas “fauleren” Typ “Buff” gesucht haben und mit dem “Arbeitstyp” nicht umgehen können, kann dieser Hund mit seinem stets aufmerksamen, unternehmungslustigen Charakter leicht “entgleisen” und sich zu einem leidenschaftlichen Raufbold mit viel Eigeninitiative entwickeln, der (leider!) auch einer Konfrontation mit einem Mensch nicht aus dem Weg gehen würde.
Hier entstehen dann die meisten Probleme, denn weder von der früher eher üblichen Schäferhundtrainer-Ausbildungsmentalität noch von der “Leckerchen-Fraktion” lassen sich diese Hunde beeindrucken.

Und genau da muß man beim Training ansetzen: hat man so einen ursprünglichen, eher sturen “Buff-Typ” erwischt, muß man von Beginn an schon auf den kleinsten Protest achten. Diese Hunde sind oft sehr bedacht darauf, ihre dominante Position nicht so einfach aufzugeben. Ich habe während meiner Trainerausbildung in Holland Bouviers erlebt, bei denen eine zu sachte (sanfte) Korrektur erst recht zur Konfrontation führte. Die richtige Interpretation der Körpersprache ist gerade hier sehr sehr wichtig, um die geeignete und richtige Trainingsbegleitung für jeden einzelnen Hund zu finden. Es ist absolut wichtig, daß Besitzer dieser Hunde, die Körpersprache ihres Hundes nicht nur lesen, sondern erahnen und entsprechend darauf reagieren können.

Der eher “sanfte” Typ Bouvier dagegen: diese Hunde entstammen oft mehr den “Showlinien” neigen eher zur Bequemlichkeit und benötigen sehr, sehr viel positive Bestärkung, um überhaupt etwas von ihnen abzuverlangen.

Was beide “Typen” aber gemeinsam haben: Buffs haben nun mal einen ziemlich sturen, leider manchmal auch etwas “abgebrühten” Charakter. Das fragt einfach ein absolut konsequentes Durchsetzungsvermögen, was manchen Leuten – besonders bei den langhaarigeren Felltypen – angesichts des “teddybär-ähnlichen” Aussehens oft schwer fällt durchzusetzen. Darum sind unerfahrene Einsteiger mit “Buffs” oftmals überfordert.

Erst wenn sie bei ihrem Besitzer eine absolut klare Linie erkennen, sind sie bereit, mit ihm zu kooperieren. Darum müssen “Buff”-Besitzer eine Menge Geduld mitbringen. Eine Eigenschaft, die viele heute nicht mehr besitzen – und entsprechend enttäuscht sind, wenn “Buff” nicht so gut “spurt” wie Nachbar's Schäferhund. Nur: ihr eigenständiger Charakter erfordert nun einmal eine sensible Handhabung. Buff's kann man nicht einfach zum Hundeplatz fahren und zur Arbeit motivieren, und schon gar nicht zwingen. Dazu hat dieser pfiffige Hund viel zu viele eigene Ideen.
Probleme entstehen auch, wenn man verschwommene Kommandos gibt (z.B. unbewußt verschiedene Worte für einen Befehl verwendet). Dann kann es passieren, daß der Buff einfach etwas ganz anderes macht, obwohl er eigentlich genau weiß, was er tun soll. Das wird dann als Ungehorsam interpretiert, ist es aber gar nicht. Man selbst hat sich einfach nicht klar genug ausgedrückt.

Unerfahrene Besitzer (aber auch Trainer) interpretieren diese Intelligenz dann oft als Eigensinn und so werden “Buff-Liebhaber” immer wieder damit konfrontiert, daß diese Hunde schwer erziehbar seien. Das ist unfair, denn Bouviers sind perfekt, so wie sie eben sind. Man muß sie nur verstehen lernen. Und darum ist Konsequenz beim Bouvier absolut notwendig, um ihn nicht zum Problemhund werden zu lassen.

Besonders Welpen sollten von Anfang an eine angepaßte Ausbildung mit viel Aufmerksamkeitstraining (lange Leine, Schleppleine…) erhalten, um gar nicht erst “eigenständig” zu werden (und diese Erziehung sollte schon beim Züchter beginnen…).


geschrieben von Jutta Gersner © copyright 2009